Am 11.05. fand das Insta-Live zum Thema “Inklusion verwirklichen” mit Constantin Grosch statt – denn obwohl die UN-Behindertenrechtskonvention seit 12 Jahren gilt, sind wir noch sehr weit von einer inklusiven Gesellschaft entfernt. Ihr könnt das Gespräch weiterhin auf meinem Instagramkanal @magda.lena.wagner anschauen. Hier gibt es einen kurzen Bericht mit den wichtigsten Inhalten. Wenn ihr mehr erfahren wollt (zum Beispiel darüber, was Constantin von der Deutschen Bahn hält), schaut gerne ins Video!

Zur Person:

Constantin Grosch ist 28 Jahre alt, Juso und Inklusionsaktivist. Er studiert Soziologie in Bielefeld – aber eher “passiv”: mehr Zeit investiert er in den Kampf für echte Inklusion.

Constantin und ich kennen uns von einem Online-Gespräch des AK Chancengerechtigkeit der Jusos Oberbayern zum. Intensivpflegestärkungsgesetz.

Constantin Grosch

Behindert?

Constantin berichtet, dass er sich selbst früher nicht gerne als Mensch mit Behinderung bezeichnet hat. Das liegt auch daran, dass er aufgrund seiner Behinderung einige Diskriminierungserfahrungen machen musste. Erst durch das Kennenlernen anderer Aktivist*innen und das intensive Auseinandersetzen mit dem Thema haben Constantin dazu bewegt, sich auch selbst als Mensch mit Behinderung zu bezeichnen.

Dabei ist aber eines klar: Nicht die Behinderung an sich behindert – sondern die vielen Barrieren, die es in unserer Gesellschaft für Menschen mit Behinderung gibt. Für Rollstuhlnutzer*innen ist zum Beispiel jede Stufe eine Barriere. 

Was ist Inklusion?

Die UN-Behindertenrechtskonvention ist ein Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Sie besagt, dass Menschen mit Behinderungen das Recht haben, wie jede*r andere an der Gesellschaft teilhaben zu dürfen. Ziel ist es also, dass jeder Mensch alles machen darf und kann und als vollwertiger Teil der Gesellschaft gilt.

Im Gegensatz zu Integration, bei der sich ein Mensch an die Mehrheitsgesellschaft anpassen muss, lebt die inklusive Gesellschaft von ihrer Vielfalt. Aktuell leben wir allerdings in einer segregierenden Gesellschaft – also in einer Gesellschaft, die trennt. Viele Kinder mit Behinderung werden oft in Förderkindergärten betreut und in Förderschulen beschult. So haben Menschen ohne Behinderung und Menschen mit Behinderung während des Aufwachsens kaum Kontakt. Auch im Arbeitsleben liegt eine Segregation vor.

Werkstätten für Menschen mit Behinderung

Viele Menschen mit Behinderung arbeiten in speziellen Werkstätten. Das eigentliche Ziel der Werkstätten ist es, Menschen für den allgemeinen Arbeitsmarkt weiterzubilden. Hier sind sie aber wenig erfolgreich: Nur etwa 1 Prozent der Beschäftigten wechselt jährlich in den allgemeinen Arbeitsmarkt.

Der Lohn in den Werkstätten ist gering: Viele arbeiten nur für etwa 150 Euro pro Monat. Das entspricht einem Stundenlohn von gerade einmal 1,50 Euro.

Für Firmen ist es attraktiv, Produkte in Werkstätten für Menschen mit Behinderung fertigen zu lassen. Sie werden von der Ausgleichszahlung, die sie zahlen müssten, wenn sie die Schwerbehindertenquote nicht erfüllen, befreit und haben darüber hinaus steuerliche Vorteile.

Das trifft mich nicht!

Tatsächlich werden die meisten Leser*innen in ihrem Leben nicht in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung arbeiten. Doch auch neben einer grundsätzlichen Solidarität mit unseren Mitmenschen sollte man in diesem Zusammenhang eine Tatsache im Kopf behalten: Der Anteil der Menschen, die aufgrund einer psychischen Erkrankung in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung arbeiten, ist steigend.

Dazu trägt die kapitalistische Leistungsgesellschaft ihren Teil bei, zum Beispiel Leistungsdruck, flexible Arbeitszeiten mit Entgrenzung von Arbeit und Freizeit und mangelndem Arbeitsschutz. Eine psychische Erkrankung kann jede*n treffen – auch wenn sie natürlich nur in den schlimmsten Fällen dazu führt, dass man nicht mehr arbeiten kann. 

Weniger Vorteile für Firmen - mehr Mitbestimmung für Mitarbeiter*innen

Um die Arbeitsbedingungen in Werkstätten für Menschen mit Behinderung zu verbessern, muss sich einiges ändern. Steuerliche Vorteile für Firmen müssen wegfallen. Außerdem fordern wir, dass auch für Menschen mit Behinderung der Mindestlohn gilt. Auch die Mitbestimmungsmöglichkeiten müssen deutlich verbessert werden – Werkstatträte brauchen die gleichen Rechte wie Betriebsräte.

Hier sollten auch die Gewerkschaften ein größeres Augenmerk auf die Vertretung von Menschen mit Behinderung legen und sie bei ihrem Kampf um bessere Arbeitsbedingungen unterstützen. 

abilitywatch: Mensch ist Mensch

Gemeinsam mit anderen Aktivist*innen organisiert Constantin gerade eine Verfassungsbeschwerde zum Thema Triage. Es wird gefordert, dass es für den Fall einer Unterversorgung mit lebensrettenden und lebenserhaltenden Behandlungen ein Gesetz gibt, das für Patien*innen und Behandlungsteams eine rechtssichere Entscheidungs- und Behandlungssituation herstellt.

Ein solcher Fall der Unterversorgung war während der Covid-19-Pandemie in vielen Ländern, zum Beispiel in Italien, gegeben. Es konnten nicht mehr alle Personen beatmet werden, die es nötig gehabt hätten.

Das geforderte Parlamentsgesetz muss sicherstellen, dass die Entscheidungskriterien keinen unmittelbar oder mittelbar diskriminierenden Charakter haben und dass für Patient*innen Rechtsschutzmöglichkeiten bestehen. 

Mehr zur Aktion und die Möglichkeit, zur Unterstützung zu spenden, findet ihr hier: https://abilitywatch.de/menschistmensch/

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